Wochenbesinnung

Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lk 21, 28b)

Von der Erwartung und vom Ausschauhalten und von einem alten Lied

Ein Lied von Philipp Friedrich Hiller, dem grossen Kirchenliederdichter meiner schwäbischen Heimat, illustriert meiner Ansicht nach schön diesen Wochenspruch zum 2. Advent. Im Reformierten Gesangbuch steht es unter der Nummer 853.

1) Wir warten dein, o Gottes Sohn,
und lieben dein Erscheinen.
Wir wissen dich auf deinem Thron
und nennen uns die Deinen.
Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt
und siehet dir entgegen;
du kommst uns ja zum Segen.

Hier ist das Bild aus dem Wochenspruch auch aufgenommen: Das Haupt erheben - erwartungsvoll Ausschau halten. Stellen Sie sich einen einfahrenden Zug vor. Eine Menschenmenge auf dem Perron. Als der Zug hält und die ersten aussteigen, sieht man Menschen, die sich recken und strecken, um ja als erste den zu sehen, auf den sie warten - und um von ihm gesehen zu werden. Welche Freude, wenn man sich endlich in die Arme schliessen kann! Ganz anders die Szene in einem Krimi. Der Bösewicht beobachtet den Zug, mit dem der Detektiv ankommen könnte. Ist er dabei? Ist er ihm auf den Fersen? Er fürchtet die Ankunft der Person, nach der er Ausschau hält, und er macht sich klein und unsichtbar, um im Fall nicht gesehen zu werden. - Der zweite Advent erinnert daran, dass Jesus Christus am Ende der Zeit wiederkommen soll. Würde ich mich dann freuen oder wäre es mir unangenehm oder gar bedrohlich?

2) Wir warten deiner mit Geduld
in unsern Leidenstagen;
wir trösten uns, dass du die Schuld
am Kreuz hast abgetragen;
so wollen wir nun gern mit dir
uns auch zum Kreuz bequemen,
bis du es weg wirst nehmen.

Die zweite Strophe erinnert an das Leid, das Jesus in seinem irdischen Leben aus sich genommen hat. Das Lied tröstet Menschen, die leiden, und die sich vielleicht die Frage stellen: Warum bestraft mich Gott so? - Nein, Gott straft dich nicht, selbst wenn es etwas zu bestrafen gäbe. Gott ist bei uns, wenn wir leiden. So wie Jesus mit den leidenden Menschen gewesen ist, auch und gerade mit den schuldig gewordenen. Und darum dürfen wir auf Gottes Hilfe hoffen, dass er dem Leid ein Ende macht. Und wir können mit Jesus an unserer Seite die Kraft finden, im Leiden auszuhalten und anderen nahe zu sein, die unsere Nähe brauchen.

3) Wir warten dein; du hast uns ja
das Herz schon hingenommen.
Du bist uns zwar im Geiste nah,
doch wirst du sichtbar kommen.
Da willst uns du bei dir auch Ruh,
bei dir auch Freude geben,
bei dir ein herrlich Leben.

Wenn vorher die Hoffnung ausgesprochen wurde, dass das Leiden weggenommen wird, so spüren wir hier die Vorfreude, dass uns etwas sehr Schönes geschenkt wird. Die Adventszeit ist voller Vorfreude auf Geschenke - wer Kinder um sich hat kennt dieses erwartungsvolle Strahlen: Die Augen leichten, wenn sie sich ausmalen, wie es wäre, wenn dieses oder jenes Geschenk am Heiligabend unterm Christbaum läge und wie sie dann damit spielen. Der Lied Vers redet von Gaben, die wir Grossen uns so oft sehnlichst wünschen. Zur Ruhe kommen. Sich wieder richtig freuen können. Leben in Fülle.

4) Wir warten dein, du kommst gewiss,
die Zeit ist bald vergangen;
wir freuen uns schon überdies
mit kindlichem Verlangen.
Was wird geschehn, wenn wir dich sehn,
wann du uns heim wirst bringen,
wann wir dir ewig singen!

Die Erwartung, Jesus Christus zu begegnen, kommt hier zu ihrem Höhepunkt. Das Bild von den erwartungsvollen Kindern passt hier erst recht. "Ganz sicher kommt er. Es dauert nicht mehr lang." Das klingt, als ob einem ungeduldigen Kind gut zugeredet wird. Der Himmel, das ewige Zuhause, ist ein Ziel, hell und warm und mit Liedern erfüllt - wie das Weihnachtszimmer. Wann geht endlich die Türe auf! Darauf leben wir hin, wie die Kinder auf die Bescherung. Und bis dahin - freuen wir uns wie die Kinder an den kleinen Türchen des Adventskalenders an den kleinen Zeichen des Gottesreichs in unserer Zeit. An Freundlichkeiten, an guten Worten. An Hilfe, die wir empfangen und geben. An der Schönheit der Natur und dem Licht der Kerzen.

Und wir sagen uns: Ja, das Reich Gottes kommt! Unsere Erlösung naht! Wir stecken nicht den Kopf in den Sand und lassen ihn auch nicht hängen. Wir schauen aus nach dem Kommenden, wir strecken uns aus danach. Wir sind da, voller Vorfreude und Erwartung. Und wir werden nicht enttäuscht werden.

"Die auf den Herrn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden." Psalm 34,6

Pfarrerin Viola Schenk

 

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